Alles über Jakobswege in Frankreich

Zu Fuß von Lyon nach Montpellier

Zu Fuß von Lyon nach Montpellier

Im Jahr 2014 wanderte ich von Lyon nach Montpellier, fast die ganze Strecke zu Fuß.

Dabei kombinierte ich drei Wanderwege, die Via Gebennensis, den Stevensonweg und die Via Tolosana.

Warum ich diesen Trip unternahm und was ich dort erlebte, erfährst du, wenn du weiterliest.

Warum ging ich den Jakobsweg in Frankreich?

2008-2009 studierte ich in Dijon und wurde schwer krank. Meinen deutsch-französischen Doppelstudiengang musste ich deswegen abbrechen und ging zurück nach Deutschland.

2014 hatte ich mich dann soweit erholt, dass ich mir in den Kopf gesetzt hatte, es noch einmal zu versuchen und ein Erasmusjahr in Montpellier zu absolvieren.

Da ich wegen meiner Krankheit ziemlich sauer auf Frankreich und die Franzosen war, war es notwendig, mich mit Land und Leuten zu versöhnen.

Deswegen unternahm ich diese Wanderung. Ursprünglich wollte ich von Dijon nach Montpellier gehen.

Zurück in Dijon

In Dijon angekommen, besuchte ich mein altes Wohnheim und die Uni, sowie diverse Orte, an denen ich öfters war. Ich war sehr traurig dabei, da ich mir vor meiner Erkrankung soviel von diesem Studiengang, den ich nicht zu Ende studieren konnte, erhofft hatte.

Doch mit diesem Besuch wollte ich einen Schlussstrich ziehen und das alte Leben hinter mir lassen.

Ich plante meine Wanderung und musste feststellen, dass ich nicht wusste, wo ich übernachten sollte. Ich fand keinen Wanderführer für die Strecke zwischen Dijon und Lyon und die Quartiere, die mir eine Internetrecherche ausspuckte, waren viel zu teuer. Ich fragte sogar im Bischofssitz nach, doch keiner konnte mir weiterhelfen.

Entmutigt gab ich meine erste Teilstrecke auf, da ich weniger als 1000 € zur Verfügung hatte. Draußen schlafen wollte ich nicht. Daher nahm ich den Zug nach Lyon, wo ich zweimal übernachtete.

Von Lyon nach Le Puy-en-Velay auf der Via Gebennensis

Jetzt wollte ich aber definitiv losgehen und spazierte einfach in südlicher Richtung aus der Stadt hinaus, Richtung Via Gebennensis, die ich nach zwei Tagesetappen fand.

Dieser folgte ich etwa eine Woche bis nach Le Puy-en-Velay.

Es war meine erste längere Wanderung und alles war neu für mich.

In der ersten Pilgerherberge traf ich auf einen einzigen weiteren Gast, einen Schweizer, der auf religiöser Sinnsuche war. Typisch, könnte man meinen, doch die wenigsten, die ich auf meinen Wanderungen auf den Jakobswegen traf, hatten großartig was mit Gott zu tun.

An jenem Abend gab es im Dorf ein großes Fest zu Ehren derjenigen Bewohner, die im vorherigen Jahr volljährig geworden waren. Wir hörten der Musik zu und plauderten über Gott und die Welt.

Der größte Nachteil des Fernwanderns

Ein paar Tage später wollte ich in einer Pilgerherberge übernachten, traf aber nur auf eine verschlossene Tür. Also rief ich an und erfuhr, dass man mich abholen wolle und das wir uns am Stadtzentrum treffen sollten. Ich sagte zwar, dass ich vor der Tür stünde, doch das sorgte nur für Erstaunen.

Im Zentrum traf ich meinen Gastgeber, einen älteren Franzosen, und das Missverständnis konnte geklärt werden. Ich hatte mich um eine Zeile verlesen und eine andere Nummer angerufen.

Da er nun schon mal da war, willigte ich ein, bei ihm zu übernachten und er fuhr mich zu seinem villaartigen Haus, wo seine Frau schon wartete.

Es handelte sich um ein Gästezimmer für 50 € und ich genoss den Luxus des schönen Zimmers.

Die Dame des Hauses wies mich darauf hin, dass ich stinke, es aber selber nicht merken würde.

Damit wurde ich früh mit einem der größten Nachteile des Langstreckenwanderns konfrontiert. Man riecht wirklich unangenehm, und so richtig sauber werden die Klamotten durch die Handwäsche nicht.

Doch alles halb so schlimm, denn ich selber rieche mich ja nicht, und da ich meistens unter anderen Wanderern bin, fällt das nicht weiter auf.

Essengehen auf Französisch

Mein Gastgeber empfahl mir den Dorfwirt, zu dem ich zu Abendessen ging.

Es gab zwar nur das Tagesgericht, aber schön französisch mit mehreren Gängen. Am Ende wurde eine Käseplatte gereicht. Dazu eine Flasche Hauswein.

Neben mir waren nur eine einzelne Dame, die sich als deutsche Pilgerin herausstellen sollte, sowie eine französische Familie zu Gast.

Es war extrem ruhig und die Franzosen flüsterten nur. Ich hatte den Eindruck, dass in diesem Land das Essengehen wie eine religiöse Zeremonie ist.

Ich sprach dem Weine zu, bis ein kleiner Junge am Nebentisch flüsterte: „Mama, er trinkt die ganze Flasche aus!“ „Psst, sei still!“.

Ich war mir unsicher, ob es angemessen ist, soviel zu trinken oder ob man normalerweise nur ein Gläschen zu sich nimmt. Wie auch immer, ich war den ganzen Tag gewandert und durfte mir etwas gönnen.

Die Via Gebennensis endete in Le Puy-en-Velay, wo ich in einer Pilgerherberge übernachtete.

Auf dem Stevensonweg

Von dieser Stadt ging ich weiter Richtung Süden auf dem Chemin de Stevenson, dem Stevensonweg.

Robert Louis Stevenson, der Autor der „Schatzinsel“ ging im 19. Jahrhundert diese Strecke zu Fuß – und mit einem Esel.

Der Weg führt nach einigen Etappen über die Cevennen, doch leider kam ich nicht so weit.

Denn ich ging nur fünf Etappen bis mir klar wurde, dass ich es zu Fuß bis zum Semesterbeginn nicht bis nach Montpellier schaffen würde.

Also betrog ich und nahm den Zug nach Alès und von dort ging es weiter per Bahn nach Arles.

Von Arles nach Montpellier auf der Via Tolosana

In dieser Stadt steht nicht nur eine Stierkampfarena, sondern hier beginnt die Via Tolosana, in Frankreich auch „Voie de Soleil“, der Sonnenweg, genannt.

Die erste Etappe führte mich am Ufer der Kleinen Rhône entlang, unter brütender Hitze und ohne Schatten, bis ich Saint-Gilles erreichte.

Kleiner Tipp: Eine Alternativroute führt von Arles direkt durch die Camargue, an nicht eingezäunten Stieren vorbei. Sicher die schönere Variante, aber auch hier kein Schatten in Sicht und nichts für Leute, die Angst vor Tieren haben.

In Saint-Gilles angekommen, traf ich auf Robert, der bis Montpellier mein Wandergefährte werden solle.

Stierkämpfe in Südfrankreich

Wir erfuhren, dass am Abend Stiere durchs Dorf getrieben würden und wir fanden uns zu diesem Spektakel an der Hauptstraße ein.

Absperrungen aus Holz trennten die Zuschauer von der Straße und schon war es soweit.

Reiter trieben mehrere Stiere im Galopp vor sich her. Wusch – schon waren sie an uns vorbei.

Anschließend folgte der nächste Trupp und vielleicht noch einer und dann war es vorbei.

Die Stiere waren für den Stierkampf vorgesehen, eine Tradition, die in Südfrankreich nach wie vor lebendig ist.

Während des Sommersemesters sollte ich einen davon in der alten Römerarena in Nîmes sehen. Er war sehr blutrünstig und ungerecht, denn es gab nur einen Stier, aber der Torero hatte mehrere Helfer und sogar gepanzerte Pferde. Immerhin schaffte es einer der Stiere, ein Pferd umzuwerfen, doch am Ende musste auch er daran glauben.

Wesentlich sportlicher fand ich die „Course camarguaise“, eine Art von Stierkampf, die in der Camargue praktiziert wird. Dabei wird das Tier nicht getötet, sondern ihm werden Trophäen auf die Stirn gepappt. Ein gutes Dutzend junger Läufer muss versuchen, diese zu erwischen.

Natürlich lässt der Stier dass nicht zu und rennt dem frechen Burschen wütend hinterher. Der macht sich eiligst aus dem Staub, wobei er mitunter über die Absperrung springen muss, um ihm zu entkommen.

Dieses Ereignis sah ich in einer kleinen Arena in einem Dorf in der Nähe von Montpellier und es hat mir sehr gut gefallen, weil es eher ein Spiel war als der tödliche Kampf in Nîmes. Die Zuschauerränge waren gut gefüllt, es waren viele Kinder da. Offenbar ist taugt diese Sportart in der Gegend als Familienausflug.

Vom Wandern zu zweit

Fünf Tage war Robert mein Wanderkamerad und wir kamen gut miteinander aus. Er war jünger als ich, in den ersten Semestern seines Studiums und es war seine erste Wanderung.

Natürlich hatte er viel zu viel Gepäck dabei, um die 19 Kilogramm. Ich konnte ihn dazu überreden, ein paar Kilo zurückzuschicken, und tatsächlich folgte er meinem Rat. Unter anderen hatte er einen großen Kochtopf dabei.

Wie ist das Wandern zu zweit? Wenn die Harmonie stimmt und beide die selbe Geschwindigkeit haben, funktioniert es ganz gut.

Der Vorteil war, dass ich jemandem zum Reden hatte, dass wir an unklaren Wegmarkierungen beratschlagen konnten und das wir abends gemeinsam unser Bier genossen.

Ich hatte gar nicht geplant, zu zweit zu wandern. Es ergab sich einfach, nachdem wir uns in einer Herberge getroffen hatten.

Daran siehst du, dass der Weg für dich sorgt. Wenn du daran zweifelst, ob du alleine aufbrechen sollst: Tu es, und schließe dich auf dem Jakobsweg mit anderen Pilgern zusammen.

Die Wanderer hier sind sehr aufgeschlossen, jeder unterstützt den anderen. Auch wenn du tagsüber lieber alleine bist, gibt es am Abend in der nächsten Herberge ein großes Hallo, wenn du dir bekannte Pilger wiedertriffst.

2 Kommentare

  1. Stella

    Lieber Heinrich, vielen Dank für deinen transparenten Erfahrungsbericht! Ich war tatsächlich Anfang August in Lyon und habe dort die „Muschel“ in mehreren Gassen entdeckt. Nun habe ich eine tolle Inspiration, auch von dort aus weiter zu pilgern. Ist Französisch deiner Meinung nach auf den Wegen immer Grundvoraussetzung? In Italien auf dem Franziskusweg gibt es kaum Möglichkeiten der Verständigung ohne Sprachkentnisse. Viele Grüße, Stella

    • hkraus

      Hallo Stella,

      ja, die Franzosen zeichnen sich nicht unbedingt durch große Freude an Fremdsprachen aus. Eigentlich lernen sie mindestens Englisch in der Schule und können es auch, aber sie trauen sich nicht, es zu sprechen. Insofern ist es von Vorteil, wenn du Französisch zumindest rudimentär beherrscht. Ich habe aber auch Pilger gesehen, die komplett ohne Französischkenntnisse unterwegs waren und trotzdem überlebt haben.

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